Viktoria – die erste Zeit mit unserem Babymädchen

Am Ende ging es dann doch recht schnell – am 14. Juni (zwei Tage nach dem errechneten Geburtstermin) hat sich die kleine Viktoria auf den Weg gemacht. Auf natürlichem Weg, ohne Einleitung und ohne zweiten Kaiserschnitt. Von den ersten spürbaren Wehen im Abstand von zehn Minuten bis hin zum ersten Schrei haben wir rund 9 Stunden gebraucht. Nur drei davon habe ich wirklich im Krankenhaus und im Kreißsaal verbracht.

Viktoria brachte bei ihrer Geburt 3450g auf die Waage und war 51 cm groß. Dafür, dass sie nach allen Schätzungen ein sehr großes Baby werden sollte und ich sie nicht umsonst auf den Namen „kleine dicke Hummel“ getauft habe, war sie doch kleiner als Adam damals und nur unwesentlich schwerer. Das zeigt auch mal wieder, wie weit die Schätzungen beim Ultraschall von der Realität abweichen können. Einen detaillierten Geburtsbericht erspare ich euch hier, vielleicht beschreibe ich den ein anderes Mal als Erinnerung in einem separaten Post.
Doch bei aller Freude und bei allem Glück, das ich im Moment des ersten Schreis und des ersten Blickes auf meine kleine Tochter empfunden habe, musste ich doch wieder feststellen, wie nah Freud und Leid beieinander liegen. Denn Viktoria wurde mit einem Handicap geboren…

In der ersten Stunde nach der Geburt war alles ganz normal. Zumindest für uns als Eltern. Viktoria lag in ein Handtuch gewickelt auf meiner Brust, wir haben gekuschelt, wir haben uns kennengelernt und sie hat ganz natürlich versucht, zum ersten Mal bei Mama zu trinken. Da ich bei Adams Geburt unter Vollnarkose stand und die U1 gar nicht mitbekommen habe, habe ich mir auch nichts dabei gedacht, dass die erste Untersuchung auf sich warten ließ. Doch meine Hebamme, die mich durch die Geburt begleitet hat, hatte uns ganz bewusst diese erste Stunde Zeit gegeben. Aus gutem Grund. Denn bei der U1 erfuhren wir vom Kinderarzt und der Hebamme, dass sich Viktorias rechter Arm im Bauch nicht so entwickelt hatte, wie er sollte. Als sie dann schließlich nackt vor uns lag, konnten auch wir sehen, was los war. Viktorias rechter Unterarm ist deutlich kürzer als der linke, er wächst in einem Bogen und ihr fehlen an der rechten Hand zwei Finger.

Diesen Schock, dieses Gefühl werde ich nie vergessen. Niemand kann einen darauf vorbereiten, im Kreißsaal von einem kranken Baby zu erfahren, wenn doch bei allen Ultraschalluntersuchungen alles unauffällig gewesen ist. Dieses Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird, obwohl man doch eigentlich vor Freude weinen sollte. Und natürlich stellte sich mir auch die Frage, wieso ausgerechnet mein Baby? Total blöd und unsinnig, ich weiß, aber dennoch eine Frage, die seitdem irgendwie ständig in meinem Kopf herumgeistert. Sie ist nicht permanent da, springt aber in manchen Situationen doch wie ein Kobold aus der Kiste.

Und auch den ersten Satz des Kinderarztes, dass sie nie mit rechts schreiben können würde, werde ich niemals vergessen geschweige denn verzeihen. Wie kann man als Arzt nur so unsensibel agieren, wenn die frischgebackenen Eltern zum ersten Mal von der Behinderung ihres Babys erfahren. Wenn man dann nur zu solchen Kommentaren fähig ist, dann hat man seinen Beruf ganz einfach verfehlt. Zumal uns zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen konnte, ob sich die Fehlbildung nur auf den Arm beschränkt oder ob noch Organe oder sogar Gehirn und Herz betroffen sind. Diese Unsicherheit war das Allerschlimmste. So weit wie die Ultraschalltechnik in der heutigen Zeit ist, kann ich es bis heute nicht verstehen, dass niemandem diese Fehlbildung aufgefallen ist und niemand weiß bis heute, was die Ursache gewesen sein könnte. Doch es hätte nichts geändert. Vielmehr hätte ich mir wochenlang Gedanken darüber gemacht, welche weiteren Fehlbildungen oder Behinderungen noch unerkannt geblieben wären. Eine unbeschwerte Schwangerschaft, wie ich sie hatte, wäre dann vollkommen unmöglich gewesen.
So aber konnten alle notwendigen Untersuchungen innerhalb von wenigen Tagen noch im Krankenhaus durchgeführt werden. Und das Ergebnis war der erste wirklich helle Lichtblick nach dem Schock im Kreißsaal. Mit dem Gehirn, dem Herzen und allen weiteren Organen und Extremitäten ist alles in Ordnung. Die kleine Viktoria ist kerngesund, die Fehlbildung beschränkt sich tatsächlich nur auf den rechten Unterarm. In den Tagen nach der Geburt war dennoch nicht klar, welche Finger an der rechten Hand fehlen. Jetzt nach zehn Wochen und einigen Arztbesuchen später wissen wir mit Sicherheit, dass Viktoria den Daumen, den Zeigefinger und den Mittelfinger hat und auch beide Knochen im Unterarm angelegt sind. Leider hat die Elle bei ungefähr der Hälfte aufgehört zu wachsen, weshalb die Speiche in einem Bogen gewachsen ist und der Unterarm viel kürzer ist als der andere. 

Nach 5 Tagen, nach allen zusätzlichen Untersuchungen und der U2, wurden wir beide aus dem Krankenhaus entlassen und vom großen Bruder Adam schon sehnsüchtig zu Hause erwartet. Schon am Tag nach der Geburt hat Adam seine kleine Schwester kennengelernt, sie gedrückt und geküsst und allen ganz stolz von ihr erzählt. Auch den „kranken Arm“ (wie er es nennt) hat er ganz normal aufgenommen, hat im Kindergarten sogar erzählt, seine Schwester bekommt einen Metallarm wie Iron Man. So stellt sich die kindliche Fantasie eben alles Fremde vor. Für Adam ist das alles vollkommen normal und nach ein paar anfänglichen Berührungsängsten hat er nun festgestellt, dass der „kranke Arm“ genauso zum Spielen geeignet ist, wie der gesunde linke Arm.

In den vergangenen zehn Wochen haben wir uns nun zu Hause eingewöhnt, haben uns aneinander und an das Leben zu viert gewöhnt und auch schon einen relativ festen Rhythmus aus Essen und Schlafen sowie Kuscheln entwickelt. Wir haben die ersten Impfungen hinter uns gebracht und auch bei der U3 und U4 kristallisierte sich heraus, dass Viktoria abgesehen von ihrem Handicap tatsächlich ganz gesund ist.

Man sagt ja immer, das zweite Kind wird ganz anders als das erste. Und genauso ist es auch gekommen. Optisch gleichen sich Viktoria und Adam wie ein Ei dem anderen. Auf Babybildern sind sie kaum auseinanderzuhalten. Aber charakterlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Viktoria ist ziemlich entspannt, sie lacht viel, man kann sie auch mal in ihr Bettchen legen und sie schläft die meisten Nächte durch. Bei Adam kann ich mich vor allem an durchwachte Nächte, stundenlanges Tragen und Füttern nach der Uhr erinnern. Dieses Mal ist es gänzlich anders.
Und obwohl Viktoria ein ziemlich entspanntes und freundliches Baby ist, das viel lacht und unser ganzer Stolz ist, sind wir von einem ruhigen Elternjahr meilenweit entfernt. Denn aufgrund ihrer Behinderung sind wir zweimal in der Woche bei der Ergotherapie und zweimal pro Woche bei der Physiotherapie. Nicht nur für Viktoria bedeuten diese Termine Stress pur, sondern auch für uns als Eltern. Denn wer hört sein kleines Baby schon gern schreien, weil es die Behandlungen und das Tapen des Arms einfach nicht über sich ergehen lassen will. Da muss ich mich immer sehr zusammenreißen, um nicht selbst mitzuheulen. Zusätzlich prasseln neben dem Anträgen auf Elterngeld und Kindergeld auch Begriffe wie „Antrag auf Schwerbehinderung“, Pflegegeld und Pflegestufe. Begriffe, mit denen sich keine frischgebackene Mutter im Wochenbett beschäftigen sollte. Dennoch müssen wir nun dadurch. Davor weglaufen geht nicht. Aber ich hoffe, dass ich mich in den nächsten Wochen daran gewöhnen werde, denn die Ergo- und Physiotherapietermine, das tägliche Sportprogramm mit meiner Kleinen sowie einige Krankenhausaufenthalte (der erste im Februar in einer Spezialklinik in Hamburg) werden für uns zur in den kommenden Jahren zum festen Tagesablauf gehören.
Aber Viktoria ist eine kleine Kämpferin und daher haben wir den Namen für sie wohl wirklich richtig ausgesucht. WIR SCHAFFEN DAS!

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